Texte

Wandlungen

Zur Eröffnung der Ausstellung Malerei und Graphik von Uta Oesterheld-Petry im Literaturmuseum „Theodor Storm“

Sehr geehrte Damen und Herrn,

Herzlich begrüßen möchte auch ich Sie zur Eröffnung dieser Ausstellung mit den Arbeiten von Uta Oesterheld-Petry hier im Literaturmuseum „Theodor Storm“.

Schon der Titel „Wandlungen“ hat ja sehr verführerische Wirkung, weil er sich in vielerlei Hinsicht so wunderbar assoziativ deuten lässt. Es geht dabei um Veränderungen und Entwicklungen, Ausblicke, Rückblicke und Einsichten; um Ereignislandschaften die sich auf der Leinwand und auf Büttenpapier mitteilen. Da geschieht etwas Bewegendes, das auch bewegen möchte. Sei es für einen Moment der Irritation, weil sich hinter dem vermeintlich sichtbar Fassbaren noch viel mehr verbirgt, das jetzt so schön nachhaltig rumort. Oder dass sich plötzlich ein Gefühl des Staunens einstellt, wenn man erst mal in Bewegung gerät… dass sich hier Eindrücke, Erfahrungen und Beobachtungen ganz anders darstellen und ganz neu zu denken geben und auch das scheinbar Vertraute jetzt anders erfahrbar werden möchte: Mit der Aufforderung, sich treiben zu lassen, um den Wandlungen und dem Wandelbaren auch in der eigenen Wahrnehmung nachzuspüren.

Die Begriffe Wandlung und Wanderschaft verbindet ja nicht nur eine lautmalerische Verwandtschaft. Ohne das Wandern keine Wandlung, keine innere Bewegtheit könnte man sagen. Und so möchte ich sie jetzt zu einer Wanderung einladen, mit den malerischen Reisewegen von Uta Oesterheld-Petry und den Stationen, an denen sie unterwegs innegehalten hat.

Aufbrechen möchte ich allerdings nicht in diesem Raum mit seiner bewegenden Pflanzenwelt und ihren erzählerischen Kräften oder mit diesen Impressionen von Tanz, Gestus und gestalterischer Vielschichtigkeit sondern nebenan. Dort hat die Künstlerin das malerische Unterwegs sein in einer Serie von Arbeiten mit dem Titel „Passagen“ zum Thema gemacht und ihre Reisenotizen malerisch reflektiert.

2

In ihnen klingen die Beobachtungen von Gebäuden an, wie der Blick das Mauerwerk streift oder eine besondere Architektur und wie sich dabei Hindernisse in den Weg stellen, die später auch zu malerischen Anhaltspunkten werden können: Rissiges Gestein mit seinen Zeitspuren, eine Gasse, die sich unübersichtlich verzweigt oder wie ein Kreuzgang empfunden wird, weil sich darüber eine Reihe steinerner Bögen spannt.

Es sind vielfach Momentaufnahmen aus südlichen Ländern, mit Abstechern nach Marokko und Tunesien, die die Künstlerin hier in ihren malerischen Streifzügen verarbeitet. Wo Stadtansichten und Einsichten oft labyrinthisch anmuten und scheinbar planlos; eben nicht so geometrisch übersichtlich angeordnet wie viele mitteleuropäische Straßenzüge und Häuserzeilen. Hinzu kommt die architektonische Formvielfalt, die sich auch in geschwungenen Linien und Verzierungen so belebend in vielfach inspirierenden Signalen mitteilt. Aus dieser Überfülle destilliert Uta Oesterheld-Petry die Momente von Andacht und Bewegung und was sie dabei auch innerlich bewegt hat.

Sich auf eine fremde Umgebung einzulassen und der Wahrnehmung mit allen Sinnen freien Lauf zu lassen, kann auch leicht zur Mutprobe werden. Wer weiß, was hinter der nächsten Ecke lauert und eben nicht von sonnigem Tageslicht erhellt wird. Wenn ein Gebäude sich nicht einfach so in seinen Proportionen erschließt sondern nur in einer vereinzelten Spur. Oder wenn sich hinter der Fassade eine Welt von Höhlen oder Katakomben verbirgt, in die man sich zaghaft vortasten muss und dabei gleichzeitig nach Halt sucht oder nach etwas Vertrautem, dass einen über unsicheres Terrain hinweg begleitet.

Diese sinnlichen Berührungsmomente mit all ihren Unwegsamkeiten kombiniert die Künstlerin mit den Wahrnehmungsreflexen, die jedem Unterwegssein innewohnen. Mit jeder Bewegung verändert sich die Sehperspektive und nimmt erst dabei einen anderen Ausschnitt eines Gebäudes war, fühlt sich angesprochen von einem konstruierenden Element, einem farblichen Detail oder einem Lichtstimmung, die das Gesehene verdunkelt oder erhellt. Hinzu kommen die Bilder im Kopf, die das gerade Wahrgenommene einfärben oder überlagern…

3

… mit den Erinnerungen an vertraute Formen und Ansichten, die ja auch kein statisches Konstrukt bilden und immer wieder anders Gestalt annehmen und dabei ihre bewegende Energie behaupten.

Es ist dieses anders Gestalt annehmen von Ansichten und Beobachtungen, von Formen, das aus diesen Arbeiten spricht. Wo der steinerne Schattenriss die stolze Kraft einer Stele entwickelt, um dann mit dem Gestus eines menschlichen Körpers belebt zu werden. Daneben türmen sich virtuelle Häuserzeilen wie zu einer Betonlandschaft auf, die es in die Höhe drängt. In Untiefen lockt der Bildraum mit diesen dunklen Spiegelungen auf einem Gewässer mit seiner scheinbar undurchdringlichen Oberfläche, die Unbekanntes und Abgelagertes birgt, nachdem sich greifen ließe. In vielen dieser Reisepassagen trifft man auf diese Bögen, wie sie Portale bilden, die den dahinter liegenden Raum rätselhaft verschleiern können. In anderen Arbeiten wirken sie wie ein schützendes Dach, dass die bewegenden Bildräume sanft ummantelt, wo der Blick auf Körper-Silhouetten trifft, die sich aneinander reiben oder auf die skulpturale Wirkung, die das Gestein mit all seinen Rissen und Verwerfungen immer wieder entwickelt, ohne wirklich greifbar zu sein…es sei denn für eine gedankliche Berührung.

Der Farbauftrag mit dieser Mischung aus Pigmenten, Eiern, Öl und Wasser ist eine widerspenstige Angelegenheit. Anders als bei Ölfarben, die ganz unmittelbar in eine Form oder Gestalt münden. Als spröde und sperrig beschreibt Uta Oesterheld-Petry die Arbeit mit Ei-Öl-Temperafarben,  die auf der Leinwand keine stabile Größe bilden. Es kommt immer wieder zu überraschenden Wendungen und Unruheherden, wie sie sich in den Bildmotiven spiegeln. Man trifft auf Farbregionen, die eine intensive Kraft entfalten oder einen besonderen Glanz, aber auch auf solche, die reliefartig gebrochen erscheinen und so an die Unwegsamkeiten erinnern, die das Unterwegs sein prägen. Wenn sich Eindrücke und Beobachtungen als sperrig erweisen oder irritieren oder den offenen Blick vorübergehend eintrüben, um dann in einem Bildmotiv ihre eigenwillige Erzählspur zu behaupten. Und sei es als störrischer Gedächtnissplitter, der sich von den nachfolgenden Eindrücken und Beobachtungen einfach nicht überlagern lässt.

4

Es gibt eine unmittelbare Verbindung zu den Arbeiten in diesem Raum. Denn sie knüpfen an die malerischen Reflektionen über das Unterwegssein an, indem sie innehalten. Für einen vertiefenden Blick in die Bewegtheiten von Körpern und die von Pflanzen, wie sie die Fantasie in vielerlei Gestalt beflügeln und sich vor den Augen des Betrachters verwandeln. Uta Oesterheld-Petry reflektiert diese Wandlungen malerisch zunächst in den Impressionen von einer Aufführung des Nederlands Dans Theater mit dem Titel „Sleepless.“

Was diese schlaflosen Gestalten alles bewegt, findet seinen Ausdruck in der Sprache ihrer Körper, in die sich die Künstlerin hier vertieft. Oft sind es ja nur sekundenkurze Momente, in denen eine Bewegung oder eine Geste fassbar wird. Dass es jetzt um ein Gefühl der Verträumtheit geht oder einen Zustand des Aufbegehrens. Dass sich die Sehnsucht nach Nähe einen bewegenden Raum erschafft oder die Umgebung als bedrohlich und befremdend erlebt wird. Aber hier sprechen eben die Körper, der Gestus und die bewegende Figur. Und so verzichtet Uta Oesterheld-Petry auf alles Erhellende in der Mimik der Tänzer und auf eine hautnahe Berührbarkeit. Sie erscheinen oft als Schattengestalten, die wie im Zeitraffer mehrere Silhouetten hinterlassen und dabei nur schemenhaft erscheinen.  In der malerischen Transparenz dieser tanzenden Gestalten, die in ihrer Bewegtheit kaum fassbar sind, zeigt sich auch ihre Bedeutung als Resonanzkörper für Gedankenbilder, Stimmungen und Emotionen, die auch ihre unmittelbare Umgebung einfärben können und mit ihr verschmelzen.

Es gibt Verbindendes und Trennendes in diesen Szenen schlaflos bewegter Gestalten, die zu berührenden Begegnungen finden aber auch zu aufgeladenen Verweigerungshaltungen. Manche ruhen gemeinsam in sich. Andere irrlichtern suchend durch den Bildraum oder sie bilden mit Anderen eine Mauer von Körpern… wie zum Schutz vor den nächtlichen Gefährdungen dunkler Fantasien.

Die dunklen Fantasien lauern auch in der verdorrenden Blüte, zwischen Blättern, Zweigen und Geäst. In all den wetterwendischen Entwicklungen und Verwandlungen von Pflanzen, die jede Form annehmen können und jede Gestalt.

5

Der englische Dichter und Dramatiker Oscar Wilde spöttelte einst über das Verhältnis zwischen Kunst und Natur. Wer hier wohl wen nachahmt, welche Seite die wahre Originalität im schöpferischen Prozess für sich beanspruchen kann und welche eben nur Plagiate produziert. Für das Kunstreich Kreatürliche mochte er sich nicht stark machen. Anders als die Künstlerin, die in ihren Arbeiten von faszinierenden Naturschauspielen erzählt, die in der Nahaufnahme sichtbar werden. Von Körpern und Gesichtern, die dabei austreiben. Von Schmetterlingen, die sich aus herabfallenden Blütenblättern bilden, von der Krümmung eines Zweiges, und wie er nun die Gestalt einer alten Frau annimmt.

Da geraten zwei Äste aneinander und schon meint man, darin ein Paar zu entdecken, dass sie leise etwas zuflüstert. Da rumoren Puppenköpfe und Fabelwesen und gespenstische Gestalten mit aufgerissenen Mäulern, die an Gestalten von Hieronymus Bosch erinnern und an das was Mensch und Natur auch in ihren Deformationen antreibt. Es ist eine fantastische Welt, die sich hier in ihrem Reichtum an Formen und schöpferischen Facetten offenbart und dabei natürlich auch die Fantasie des Betrachters beflügelt, der Vertrautes und Befremdendes entdecken kann, wenn er sich auf diese inspirierende Forschungsreise begibt.

Und so schließt sich der Kreis auf dieser malerische Wanderung mit den Bewegungen, den Bewegtheiten und den Wandlungen, an denen Uta Oesterheld-Petry mit ihren Arbeiten teilhaben lässt. Lassen auch Sie sich verführen von dieser Idee des Unterwegs sein und wie Eindrücke, Beobachtungen und Erfahrungen dabei immer wieder anders gedanklich assoziativ beleben und so wunderbar inspirierend nachwirken.

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit !

Tina Fibiger

Heiligenstadt, 25. September 2016

Facebooktwitterlinkedinmail